Schwerpunkte

Ganz allgemein sind Postakute Infektionssyndrome (kurz PAIS) oder auch Infektionsassoziierte chronische Erkrankungen (engl.: Infection-Associated Chronic Illnesses, kurz IACI) kein neues Phänomen, auch wenn sie durch die letzten Jahre vermehrt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt sind. Neben SARS-CoV-2 als Auslöser für PAIS oder IACI sind in der wissenschaftlichen Literatur u.a. auch Epstein-Barr-Virus (kurz EBV), Influenzaviren, Enteroviren, SARS, Dengue, Varizella-Zoster-Virus (kurz VZV) & West-Nil-Virus oder auch nicht-virale Erreger wie z.B. Borrelia oder Chlamydien beschrieben1,2.

Als PAIS oder IACI können u.a. Long Covid bzw. das Post-COVID-Syndrom, ME/CFS, PoTS, MCAS, SFN, hEDS auftreten – oft in einer Kombination – oder im Zuge dessen verstärkt werden.

Der Begriff Long Covid ist ein „patient-made term“, den eine Betroffene 2020 auf Social Media erstmals verwendete, wo sie auf ihre anhaltenden Beschwerden nach der akuten Covid-19 Erkrankung, welche schon einige Wochen und Monate her war, aufmerksam machte. LC stellt einen Überbegriff für alle Langzeitfolgen aus der Akutinfektion mit SARS-CoV-2 dar: darunter fallen prolongierter akuter Verlauf einer Infektion (z.B. durch eine Lungenentzündung bzw. länger anhaltende Organschäden durch einen schweren akuten Verlauf oder dessen Behandlung (Beatmung)), die Verschlechterung einer bereits (latent) bestehenden oder residualen Erkrankung oder das Neuauftreten einer Erkrankung als Folge der Infektion (z.B. Diabetes mellitus) oder eben das Neuauftreten des Post-COVID-Syndroms als Ausprägung eines PAIS3,4.

Umgangssprachlich werden die Begriffe Long Covid und das eigentliche Post-COVID-Syndrom oft synonym verwendet.

In meiner physiotherapeutischen Arbeit beziehe ich mich auf das Post-COVID-Syndrom.

Das Post-COVID-Syndrom beschreibt Anzeichen und Symptome, die während oder nach einer COVID-19-Infektion auftreten, länger als 12 Wochen bestehen und nicht durch eine andere Erkrankung erklärt werden können.

Typisch ist das Auftreten verschiedener, teils überlappender Beschwerden, die sich im Verlauf verändern und schwanken können. Dabei können nahezu alle Organsysteme betroffen sein – von Atemwegen und Kreislauf über Muskulatur bis hin zu kognitiven Funktionen.

Häufige Symptome können u.a. sein: Eingeschränkte Leistungsfähigkeit, auf Erholung nicht ansprechende Fatigue, Kurzatmigkeit/Atembeschwerden, Herzrasen/Brustkorbschmerzen, Konzentration- und Gedächtnisbeschwerden („Brain Fog“), Schlafstörungen/nicht-erholsamer Schlaf, Licht- und Geräuschempfindlichkeit, Tinnitus, Sensibilitätsstörungen oder Kopf-/Gelenkschmerzen5.

Beim Post-COVID-Syndrom kann Post-Exertional Malaise, das Kennmerkmal und Leitsymptom von ME/CFS, vorliegen und in der Praxis tut es das auch oft.

ME/CFS wurde bereits 1969 von der Weltgesundheitsorganisation als neuroimmunologische Erkrankung eingestuft. Neben den oben beschriebenen PAIS-Auslösern (ca. 80% infektionsassoziiert) kann ME/CFS auch durch u.a. Operationen, Halswirbelsäulen- oder Schädeltraumata ausgelöst werden2,6. Die Multisystemerkrankung betrifft häufiger Frauen als Männer7 und kann in jedem Alter auftreten, wobei sich zwei Altersgipfel zeigen: 10-19 Jahre und 30-39 Jahre8.

Pathophysiologisch werden in der Literatur u.a. immunologische Dysregulation (z.B. verminderte Funktion von NK-Zellen und T-Zellen), Autoimmunität (z.B. Hinweise auf Autoantikörper gegen β2-Adrenozeptoren oder muskarinerge Rezeptoren), Inflammation & oxidativer Stress, fehlfunktionale Neuroglia, verminderter zerebraler Blutfluss (v.a. bei Vertikalisierung), mitochondriale & metabolische Dysfunktion (geschädigter aerober Stoffwechsel) oder autonome Dysregulation beschrieben9–13.

ME/CFS verursacht eine ausgeprägte Fatigue (welche nichts mit der aus dem Alltag bekannten Müdigkeit zu tun hat), nicht erholsamen Schlaf, kognitive Beeinträchtigungen, orthostatische Intoleranz, sensorische Empfindlichkeiten, Magen-Darm-Probleme und andere körperliche Symptome, die zu erheblichen Funktionseinschränkungen führen14.

Das Charakteristikum von ME/CFS und zeitgleich der Dreh- und Angelpunkt für die physiotherapeutische Herangehensweise stellt Post-Exertional Malaise (PEM; auch Post-Exertional Neuroimmune Exhaustion (PENE) oder Post-Exertional Symptom Exacerbation (PESE)) dar.

PEM ist eine belastungsinduzierte, unverhältnismäßige Zustandsverschlechterung durch eine gestörte physiologische Aktivitäts-Erholungsreaktion. Die Verschlechterung und/oder das Aufkommen neuer Symptome (sog. „Crash“) treten unmittelbar oder oft zeitverzögert (12–72 Stunden) nach bereits geringer physischer, kognitiver, mentaler, orthostatischer oder sensorischer Belastung auf, die vormals toleriert wurde. Die Verschlechterung kann Stunden, Tage oder gar Wochen anhalten (unterschiedliche Übersichtsarbeiten sprechen von mind. 14–24 Stunden). Jeder „Crash“ birgt das potenzielle Risiko einer permanenten Verschlechterung des Gesamtzustandes6.

PEM stellt in der Physiotherapie eine Red Flag für Trainingstherapie oder Belastungssteigerung dar – als „Therapie“ der Wahl gilt hier das Pacing-Konzept6,7. Dies ist ein Aktivitätsmanagement – jedoch keine kurative Therapie – mit unterschiedlichen Formen (z.B. Herzfrequenz-Pacing oder Pacing mittels Borg-Skala), um innerhalb der eigenen, auch oft fluktuierenden, Energieressourcen bleiben und nicht in die potentiell schädigende Überlastung zu kommen. Im besten Fall kann dadurch eine Symptomreduktion, eine Zustandsstabilisierung oder gar -verbesserung erreicht werden – leider ist es kein Garant dafür.

Je nach Symptomkonstellation und -ausprägung, Schweregrad (mild, moderat, schwer, sehr schwer*)), Komorbiditäten und v.a. Bedürfnis der betroffenen Patientin oder des betroffenen Patienten können zusätzliche physiotherapeutische Methoden und Maßnahmen angewandt werden (z.B. Viszerale Therapie als Hands On-Therapie). Auch Bewegung – individuell gestaltet und patient*innenzentriert – kann Teil der Therapie sein, sofern es der Wunsch der betroffenen Person ist. Aus der praktischen Erfahrung heraus erlebe ich, dass die Patient*innen grundsätzlich ein Bewegungsbedürfnis in irgendeiner Art und Weise haben. Meine Aufgabe als Physiotherapeutin sehe hier, gemeinsam und in Abstimmung mit der Patientin oder dem Patienten Ideen und Lösungswege zu finden, die sich in den insgesamten Energiehaushalt integrieren lassen, ohne dass die eigenen Grenzen überschritten, die vorhandenen Energieressourcen komplett verbraucht oder eine Zustandsverschlechterung hervorgerufen wird.

Mit Stand heute gibt es keine zugelassene und/oder heilende Therapie für ME/CFS, spontane Remissionsraten sind laut Literatur gering.

*) Bei sehr schwerem ME/CFS sind die physiotherapeutischen Möglichkeiten sehr limitiert und finden auch kaum mehr statt.

Aus ‚V. Hackl, J. Streeck, C. Kopkow, und B. Elsner, „Über post-exertionelle Malaise (PEM) im Vorfeld Bescheid wissen“, in Physiotherapie evidenzbasiert, 1. Aufl., Deutschland: Elsevier, 2024, S. 58–60. [Online]. Verfügbar unter: https://shop.elsevier.de/physiotherapie-evidenzbasiert-9783437450655.html‘

PoTS ist eine Form der Dysautonomie – eine Dysfunktion des autonomen Nervensystems (ANS). Dabei ist die Sympathikusaktivität erhöht, die Parasympathikusaktivität zu niedrig.

Auch bei PoTS findet ein Auftreten häufiger bei Frauen als bei Männern statt – oft postinfektiös15,16 – und die Langzeitprognose ist wenig erforscht17.

Klinisch lässt sich ein abnormaler Anstieg der Herzfrequenz um mindestens 30 Schläge/min (bei über 19-Jährigen) oder insgesamt über einen Wert von 120 Schläge/min innerhalb der ersten zehn Minuten beim Übergang aus der Rückenlage in den Stand. Damit verbunden sind Präsynkopen (bzw. auch Synkopen) und eine orthostatische Intoleranz, ohne dass orthostatische Hypotension besteht, was bedeutet, dass der Blutdruck beim Wechsel in die aufrechte Lage weitgehend stabil bleibt17–19.

Neben den Hauptmerkmalen orthostatische Tachykardie und orthostatische Intoleranz können u.a. weitere Symptome der autonomen Dysfunktion auftreten15,17: Herzklopfen, Schwindel, Benommenheit, Fatigue, Hitzeunverträglichkeit, Kopfschmerzen, kognitive Beeinträchtigungen, Zittern, Übelkeit, verändertes Schwitzen oder Angst (nicht ursächlich).

Folgende Auffälligkeiten20,21 können auf PoTS hinweisen, wobei diese nicht zwangsläufig auftreten müssen:

  • Akrozyanose nach Vertikalisierung (z.B. die Füße verfärben sich bläulich nach dem Aufstehen oder wenn sie runterhängen)
  • postprandiale Tachykardien (Symptomverstärkung, v.a. Herzrasen/-klopfen, nach (kohlenhydratreicher) Nahrung)
  • Coat Hanger Pain (Unbehagen/Schmerzen, die sich wie ein Kleiderbügel im Nacken äußern)

In der Praxis beschreiben Betroffene PoTS zeitweise mit „als würde man gegen die Schwerkraft allergisch werden“.

Wichtig ist festzuhalten, dass PoTS ursächlich weder eine Panikattacke noch eine Angststörung ist20.

Physiotherapeutisch können Maßnahmen und Techniken zum Einsatz kommen, die die Parasympathikusaktivität fördern und Symptome lindern (z.B. Atemtechniken, Viszerale Therapie oder transkutane Vagusnervstimulation mittels Elektrostimulation (TENS)22).

MCAS gehört, neben anderen Erkrankungen wie beispielsweise der systemischen Mastozytose, zu den Mastzellaktivierungserkrankungen (MCAD). Bei MCAS kommt es zu einem komplexen klinischen Bild von Symptomen, die durch die Ausschüttung von Mastzellmediatoren (z.B. Histamin, Tryptase oder Leukotrine) ausgelöst werden23.

Häufige Symptome3 können

  • die Haut (Urtikaria, Flush, Pruritus und/oder Angioödem)
  • den Respirationstrakt (verstopfte Nase, nasaler Pruritus, keuchende Atmung, ödematöse Schwellungen im Halsbereich und/oder Halsschmerzen oder Heiserkeit)
  • das kardiovaskuläre System (Kopfschmerzen, Hypotension bis zur Synkope und/oder Tachykardie)
  • den Gastrointestinaltrakt (abdominale Krämpfe, Diarrhoe und/oder Übelkeit)

betreffen.

Es ist wichtig, dass im Rahmen der Physiotherapie durch die Maßnahmen möglichst keine Mastzellen zur Degranulation und Ausschüttung von Entzündungsmediatoren getriggert werden. Mögliche Trigger können dabei sein: Druck, Vibration, körperliche Belastung/Sport, Stress, Gerüche (z.B. Parfum).

Bei SFN handelt es sich um eine Schädigung der dünn myelinisierten A-Delta-Fasern, der nicht myelinisierten sensorischen C-Fasern oder der autonomen Fasern24–26. Diese anfälligeren unmyelinisierten und dünn myelinisierten peripheren Axone übertragen normalerweise elektrische Signale zwischen Neuronen, um Gewebeschäden, Schmerzen und Entzündungen zu signalisieren und die Gewebe und Organe des Körpers zu regulieren27. SFN kann sowohl autonome als auch sensorische Fasern beeinflussen28.

Zu den typischen Symptomen zählen u.a.:

  • Missempfindungen/Sensibilitätsstörungen auf der Haut (z.B. Brennen, Schmerzen oder Ameisen laufen)
  • vermindertes/vermehrtes Schwitzen

Bei den meisten Betroffenen mit SFN treten sensorische Störungen auf, die in den Füßen beginnen und nach oben fortschreiten (“sockenförmig” bzw. an den Armen “handschuhförmig”). Diese Art von SFN wird als längenabhängiges SFN bezeichnet. SFN kann auch nicht längenabhängig sein. In diesen Fällen sind die Symptome „fleckig“/diffus und schwanken im Laufe der Zeit29.

Bei der Physiotherapie ist wichtig zu beachten, dass dadurch Berührungen unangenehm oder schmerzhaft sein können.

hEDS ist eine erbliche Bindegewebserkrankung, die zu generalisierter Gelenkshypermobilität, Gelenksinstabilität und chronischen Schmerzen führt – außerdem steht es durch die Ligamentlaxizität mit kraniozervikaler Instabilität (CCI) in Verbindung30,31.

Zusätzlich zeigt sich eine leichte Überdehnbarkeit der Haut und eine abnormale, hypertrophe Narbenbildung.

Manche Betroffene hEDS können auch Fatigue, Magen-Darm-Probleme, Dysautonomie, Kopfschmerzen oder Anzeichen von MCAS aufweisen.

Auch hier ist ein auf die betroffene Person individualisierter und symptomorientierter Ansatz Schlüssel bei der Physiotherapie.

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Weiterführende Informationen

Österreichische Gesellschaft für ME/CFS: https://mecfs.at/

Deutsche Gesellschaft für ME/CFS e.V.: https://www.mecfs.de/

FUNCAP Schweregrad-Rechner der Schweizerischen Gesellschaft für ME/CFS: https://sgme.ch/funcap

PoTS und andere Dysautonomien e.V.: https://www.pots-dysautonomia.net/

The Ehlers-Danlos-Society: https://www.ehlers-danlos.com/assessing-joint-hypermobility/
(Diagnosekriterien für das hypermobile Ehlers-Danlos Syndrom (hEDS): https://ehlers-danlos-initiative.de/wp-content/uploads/2025/05/hEDS_Diagnose_Checkliste_v2.pdf )

Long COVID Physio: https://longcovid.physio/

Physios for M.E.: https://www.physiosforme.com/

Long Covid Austria: https://longcovidaustria.at/

MedUni Wien, Zentrum für Public Health, Abteilung für Primary Care Medicine: Post Covid & ME/CFS https://public-health.meduniwien.ac.at/abteilungen/abteilung-pcm/forschung/forschungsschwerpunkte/long-covid-und-post-covid-syndrom/

Fatigue Centrum der Charité — Universitätsmedizin Berlin: https://cfc.charite.de/
(Munich Berlin Symptom Questionnaire: https://static-content.springer.com/esm/art%3A10.1007%2Fs00431-023-05351-z/MediaObjects/431_2023_5351_MOESM2_ESM.pdf )

Physio Austria – Bundesverband der Physiotherapeut*innen Österreichs: https://www.physioaustria.at/